William Shakespeare: Ein Sommernachtstraum

v.l.n.r. L.Wollenberg, Regie; E.Kröger, Assistenz

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Aus unserem Programmheft

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Ein Sommernachtstraum? Was passiert denn da?

Es ist wie im wahren Leben. Ein Ehepaar ist nicht besonders gut aufeinander zu sprechen, und damit nimmt das Unheil seinen Lauf. In diesem Stück heißen sie nicht Müller oder Schulze, sondern Oberon und Titania und leben inzwischen voneinander getrennt. Jedoch befinden sich ihre Aufenthaltsorte in unmittelbarer Umgebung, womit sich gewisse Begegnungen nicht vermeiden lassen, was bei beiden nicht zu bester Laune führt.

 

Oberon, von Beruf Herrscher über die Geister- und Elfenwelt, ist etwas säuerlich auf seine Gattin Titania zu sprechen, weil sie ihm einen kleinen Inderjungen, den sie als Wechselbalg von einem Indienaufenthalt mitbrachte, partout als Spielgefährten verweigert. Er möchte sich nun auf seine Weise an seiner Frau rächen und bedient sich hierbei  des treuesten seiner dienstbaren Geister, des Puck, der wie alle Geister über die Gabe verfügt,  sich bei Bedarf vor den  Menschen unsichtbar zu machen. Puck soll im Auftrag seines Chefs Oberon nach einer Zauberblume suchen und ihren Blütensaft in die Augen der schlafenden Titania träufeln, so daß sie, wenn sie aufwacht, in Liebe zu dem erst besten Wesen entflammt, das ihr über den Weg läuft .

 

Aber nicht nur in der Elfenwelt herrscht das Beziehungschaos. Theseus hat sich von einer Reise zu den Amazonen deren Königin Hippolyta mitgebracht. Nun gibt er sich alle Mühe den dreisten Raub vergessen zu machen und wirbt um Hippolytas Hand, die sich nur zögerlich auf eine Ehe mit ihrem Kidnapper einlassen will. Dennoch laufen die Vorbereitungen zur Hochzeit auf allen Touren. Weitere Paare ringen um ihr Lebensglück. Es geht um Liebe und Verwicklungen. Eine junge Frau namens Helena liebt einen jungen Mann namens Demetrius, dieser ist jedoch in Liebe zu Hermia entbrannt. Und Hermia? Sie liebt den Lysander und Lysander kann ebenfalls die Augen nicht von ihr lassen, dies alles zum allerhöchsten Verdruß von Hermias Vater Egeus, der sich den Demetrius als Schwiegersohn erwählt hat. Daß dies so nicht gutgehen kann und zu leidenschaftlichen Auseinandersetzungen führen wird, ist zu erwarten. Dann gibt es noch die wackeren Handwerksmeister. Sie haben zwar mit der Liebe nichts am Hut, möchten aber anläßlich der hochrangigen Hochzeitsfeier zwischen Theseus und Hippolyta ein Schauspiel aufführen, um in den Genuß von 6 Groschen auf Lebenszeit zu kommen. Dazu werden sie in den Wald gehen, um heimlich zu üben. Der schalkhafte Puck wird sie hier stören und in Angst und Schrecken versetzen. Denn Puck hat sich für den üblen Spaß, den er im Auftrag seines Chefs ausführt,  ausgerechnet einen bedauernswerten Handwerker, den Weber Nikolaus Zettel auserkoren und verwandelt ihn in einen Esel. Es kommt so wie es kommen muß. Titania erwacht, erblickt Klaus Zettel, jetzt in Eselsgestalt, und entdeckt ihre glühende Liebe zu ihm  

 

Weitere Verstrickungen und situationsbedingte Umstände werden zu Tage kommen, denn Puck kann es nicht bei einem Schabernack lassen. Hat er doch sein Vergnügen am Wirrwarr der Gefühle. Auch die jungen Liebenden bekommen die Wirkung des Zaubersaftes zu spüren und damit gerät alles restlos durcheinander. Wer liebt jetzt hier wen? Alles umgedreht und auf den Kopf gestellt. Nach einiger Zeit des bunten Treibens hat Oberon jedoch ein Einsehen, sorgt für Ordnung in Geister- und Menschenwelt. So bekommt Hermia ihren Lysander, Helena ihren Demetrius und auch Oberon und Titania schließen Frieden miteinander. Der Himmel hängt nun voller Geigen und mit der Hochzeitsfeier zwischen Hippolyta und Theseus, bei der die Handwerker nun endlich ihr Schauspiel, die tragische Geschichte von Thisbe und Pyramus, aufführen dürfen, endet der Traum einer Sommernacht.

 

Alles klar?

 

Nun liebes Publikum, laßt euch überraschen, oder verzaubern und begleitet uns für einige mystische Augenblicke in eine andere Welt.

 

HERMIA:

Bei jedem Schwur, den Männer je gebrochen, mehr an der Zahl,

als Frauen je gesprochen. Du findest sicher morgen Mitternacht  mich an dem Platz, wo wir es ausgemacht.

Text: Helga Passenheim

Gedanken zum Stück und zur Inszenierung: Wer träumt denn hier? von Loretta Wollenberg

Darüber haben sich Jahrhunderte lang kluge Köpfe denselben zerbrochen. Wo ist bei diesem Stück der Anfang, wo das Ende? Antwort darauf und auf alle Hintergründe, die zur Aufklärung dieser Frage und der komplizierten Vorgänge in diesem Shakespeare-stück  dienen, können wir natürlich auch nicht geben. Was passiert denn da zwischen Geistern und Menschen, die sich das gleiche Stückchen Erde teilen? Die einen treiben mit den anderen ihr Spiel, aber diese anderen ahnen nichts davon. Die Menschen müssen „einfach durch“, durch den Wirrwarr ihrer Gefühle, sind dem Spiel der „ Übermächte“ ahnungs- und hilflos ausgeliefert  Nur einer, der Weber Nikolaus Zettel, der etwas schrullig egomane, aber auch versponnene Handwerker, erhält plötzlich Einblick in diese Geisterwelt. Hat Kontakt mit Ihnen, wird zum Spielball und für eine Nacht sogar zu ihrem Gefährten. Ein Eindruck, der ihn sicher sein ganzes Leben nicht mehr loslassen wird. Und wenn er seinen Gefährten davon erzählen würde? Seinem Fürsten, seinen Handwerkerfreunden? Keiner wird ihm Glauben schenken. Zettel, der Spinner, werden sie sagen und ihn belächeln. Er wird sich hüten, wird sein Geheimnis mit sich herumtragen und nach anderen Wegen suchen, seine tiefen Eindrücke zu verarbeiten. Wird sich aufmachen, um ein Leben lang zu träumen. Vielleicht wird der theaterbesessene Zettel ein Theater gründen, oder malen, oder schreiben. Zettel ist ein Künstler, einer der immer ein bißchen mit einem Fuß in einer anderen Welt steht, der aber immer auch für ein bißchen mehr Leben im grauen Alltag sorgt. Einer, der andere mitreißt. Dafür sehen die anderen, hier seine bodenständigen Handwerkerkollegen, gerne über seine egomanen Anfälle hinweg. Zettel will jede Rolle im Handwerker-Stück spielen, weil ihm zu jeder etwas einfällt. Natürlich ist es dieser Träumer, dieser „ Spinner“, den Puck sich aussucht, um „aus ihm einen Esel zu machen“, oder ihn in einen Esel zu verwandeln. Bei Zettel kann Puck sich sicher sein, daß er sich bereitwillig einläßt, auf die Reise in die Geister- und Elfenwelt.

 

ZETTEL:

 

Wenn ich’s mache,

laßt die Zuhörer nach ihren Augen sehn!

Ich will Sturm erregen....

 

 

Kennen Sie Elwood P. Dowd?

von Loretta Wollenberg

Der Name sagt Ihnen nichts? Und dennoch bin ich mir sicher, daß fast jeder von Ihnen ihn schon einmal ins Herz geschlossen hat. Elwood hat einen sonderbaren Freund. Der heißt Harvey und ist ein 2 Meter großer, weißer Hase. Vielleicht haben Sie ihn im Theater kennengelernt oder in den Filmen mit Heinz Rühmann oder James Stewart. Elwood ist so stolz auf seinen Freund Harvey, daß er ihn all seinen Bekannten vorstellen möchte. 

Die Sache hat nur einen Haken: Harvey ist für alle anderen unsichtbar, genau wie unser Puck in Shakespeares Sommernachtstraum. Elwood läuft Gefahr, in die Nervenheilanstalt eingeliefert zu werden, das unterscheidet ihn von Zettel, der über seine Erlebnisse sehr weise schweigt.

 

Warum ich Ihnen von Elwood P. Dowd und seinem Freund Harvey erzähle? Die Autorin des Theaterstücks „ Mein Freund Harvey“, Mary Chase, verrät uns, daß Harvey ein Pooka ist, nichts anderes, als unser Puck, der allzu gern sein Wesen mit den Menschen treibt, manchmal aber auch Freundschaft mit einem schließt. In der englischen Volksphantasie des elisabethanischen Zeitalters, in der die Feen- und Koboldliteratur ihre Blütezeit hatte, trug dieser Natur – und Hausgeist den Namen Robin Goodfellow.

 

Nun sind der Puck aus dem Sommernachtstraum und Zettel noch lange nicht so gute Freunde, wie Elwood und der Pooka Harvey, aber vielleicht werden sie es trotzdem irgendwann oder wenigstens Wegbegleiter, sie stehen ja erst am Anfang ihrer Bekanntschaft. Und eines Tages, Zettel ist schon längst ergraut, treffen sie sich vielleicht wieder und sitzen gemeinsam auf einer Bank. – Und Puck beginnt das Spiel, das er nicht lassen kann. Er versetzt Zettel in einen Traum und führt wie immer Regie. Zettel, der Weber, wird unter seinem Zauber einschlafen und träumen. Den Traum, der ihm die Pforten zu allen Welten öffnet, immer wieder: Den Sommernachtstraum. Und vielleicht,  wenn wir Glück haben, lassen wir uns darin einweben

 

Vielleicht...!  

Eins aber ist sicher:

 

Um diese Fähigkeit, zu träumen und zu staunen, können wir alle Zettel dieser Welt beneiden.

 

PUCK:

 

He Geist,

wo geht die Reise hin?

 

Wie ist das mit den Elfen, Geistern und Menschen?

von Loretta Wollenberg

Der Sommernachtstraum ist mit dem Sturm, mit dem er vieles gemeinsam hat, eines der wenigen Stücke Shakespeares, zu denen wir keine sicheren Quellen kennen, wahrscheinlich weil sie keine anderen haben, als die Phantasie des Dichters. Ein Motiv aus der Mythologie, - die Hochzeit von Theseus und Hippolyta – hat er mit den Gestalten aus dem Volksglauben und aus der Bildsprache der Okkultisten, -Elfen, Feen, Robin Goodfellow alias Puck, ausgeschmückt. Gerade diese letzte Ebene des Stückes gibt uns eigenartige Aufschlüsse über die geheimen Absichten Shakespeares. Wenn man den Sommernachtstraum aufmerksam liest, gewinnt man die Überzeugung, daß im Geist des Dichters  die Wirksamkeit und sogar das Vorhandensein  der Elfen, Feen und Geister nicht einfach ein Spiel der Phantasie, sondern der Widerschein einer höheren und geheimen Wirklichkeit ist. Der Dichter glaubt an die Existenz der Geister und nimmt hier öffentlich Stellung für den Volksglauben, der nicht selten seinen Ursprung in keltischen Riten findet.  So ist es auch der von den Kelten verehrte Mond, der hier eine magische Rolle einnimmt. Seit Gedenken verkörpert er das Sinnbild des Feindes aller zügelloser Leidenschaft, steht als Symbol der Weisheit, gegen allzu heftiges Aufwallen der Gefühle. Schon zu Beginn des Stückes wartet Hippolyta auf den neuen Mond, um Hochzeit mit Theseus zu feiern, wie ihre Vernunft es in ihrer Lage als geraubte Amazonenkönigin für gut befunden hat.  So erklärt uns der Dichter, die rechte Liebe stellt sich unter das Zeichen des kühlen Mondes, sei nur echt und dauerhaft, wenn sie auf die Glut und Sinne verzichtet, stets im Einklang mit den Harmonien des Weltalls. Bei dieser Einstimmung des Menschen mit dem Kosmos, spielen die Feen und Elfen eine gewichtige Rolle. Das Stück belehrt uns nicht schlecht über diese Welt der Geister. Es unterscheidet Elfen und Feenwesen. Beide unterscheiden sich nochmals von den Nachtgeistern oder den Seelen der ruhelos Verstorbenen, die morgens „ in Scharen zu den Friedhöfen zurückkehren“.  Die Elfenschar , die von Oberon und Titania geführt wird,  ist von anderer Natur als jene bedauernswerten Gespenster. „ Wir sind Geister einer anderen Art“, erklärt Oberon. Aber auch sie wirken in der Nacht, alle sind unsterblich und nicht materialisiert, also für die Menschen unsichtbar. Sie handeln und bewegen sich in atemberaubender Schnelligkeit, Puck umläuft die Erde in 4mal 10 Minuten, Titania und ihre Elfen brauchen ein Minuten drittel für ihre Ortsveränderungen. Oberon wiederum erklärt, daß er und seine Schar, „schneller um die Erde laufen können, als der  Mond“. Die wichtigste Aufgabe des Herrscherpaares ist es,  atmosphärische Dinge zu ordnen. Sie regeln die Jahreszeiten, balancieren sie durch eine Art Eurythmie aus, durch ihre Tänze und Gesänge.

 

Titania: Du bist so weise, wie Du reizend bist

Von heiligen und magischen Kreisen: Keltische Bräuche in Shakespeares Sommernachtstraum

von Loretta Wollenberg

„ Wir dienen der Elfenkönigin, tau´n ihr die Heiligen Kreise ein „

                                                                                                     ( 1. Elf  zum Puck )

 

Druiden, keltische Führer der Eisenzeit, gehen einen spirituellen Weg, auf dem sie Ahnen und Naturgeister ehren. Ihre Rituale finden meist innerhalb eines Kreises statt, der gezogen und geweiht wird. Der Kreis wird auf dem Boden oder in der Luft gezogen, oder auch eingetaut. Oft wird das Ritual vollzogen und wenn der Kreis wieder geöffnet wird, bleibt keine Spur zurück außer einem feinen Glanz durch die Energie der Zeremonie. In der Regel wird der heilige Kreis zunächst geweiht und zwar mit Räucherwerk und Wasser als den Symbolen der vier Elemente. Bei der Weihe des Kreises bittet der Druide die Elementargeister seinen  Kreis für seine weitere Arbeit zu segnen. Die Energien wandeln sich, und ein fünftes Element kommt ins Spiel: Der Geist.  Nun beginnt das eigentliche Ritual mit dem Friedensruf, der in alle Himmelsrichtungen gesandt wird: Er erinnert daran, beim Eintritt in den heiligen Raum des Kreises  die Konflikte und Krisen aus unserem Alltag loszulassen.

 

Mit diesem kleinen Einblick in den keltischen Hintergrund des Sommernachtstraums können wir uns ein bißchen mehr in den Aufgabenbereich Oberons und Titanias hineindenken, die hier an die Stelle der Druiden treten, ihre heilige Aufgabe aufgrund ihres Ehekrachs jedoch zur Zeit des Geschehens bis zu ihrer Aussöhnung bedenklich vernachlässigen.

 

TITANIA:

 

Durch unseren Streit wandeln sich die Jahreszeiten,

Der Frühling, der Sommer, der farbenfrohe Herbst,

Der bitt‘re Winter, sie alle tauschen die

Gewohnte Tracht, und die erstaunte Welt

Erkennt nicht mehr an ihrer Frucht und Art, wer jeder ist.

Und diese ganze Brut von Übeln kommt von

Unserm Streit, von unserm Zwiespalt her;

Wir sind der Ursprung, wir sind die Erzeuger. „

 

 

 

kll

OBERON:

Schweben wir denn Königin

Schweigend zu den Schatten hin,

schneller als die Monde kreisen

Können wir die Erd umkreisen

PUCK:

 

Wenn wir Schatten euch mißfielen,

denkt zum Trost von diesen Spielen,

daß euch nur der Schlaf umfing,

als dies alles vor sich ging...