Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag

Lesung Maria Becker

Kunststätte Bossard

29. April 2006; 19.00

Eine Veranstaltung der Jesteburger Kammerspiele

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Sonntag, 30. April, 19.00

Opera Stabile der Hamburgischen Staatsoper

Eine Veranstaltung der Jesteburger Kammerspiele

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Die Schauspielerin Maria Becker studierte am Wiener Max-Reinhardt-Seminar. Bereits 1938 erhielt die damals 18 jährige ein Engagement am Züricher Schauspielhaus, dem sie nahezu 30 Jahre angehörte.

 

Gastverpflichtungen führten sie u. a. nach München, ebenso wie nach Salzburg, wo sie die Buhlschaft im Jedermann spielte. 1956 gründete sie gemeinsam mit Robert Freitag und Will Quadflieg ein eigenes Tourneetheater. Maria Becker wurde für ihre künstlerischen Leistungen u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz, dem Luise-Dumont-Goldtopas, im Sommer 2005 mit der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Zürich ausgezeichnet.

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Zur Novelle Mozart auf der Reise nach Prag

von Eduard Mörike ( entstanden 1853 – 56 )

Die Novelle ist im Ganzen heiter,

der Stoff dazu erfunden,

doch der Mensch,

wie ich hoffe,

wahr und nichts von dem darin,

was unsere Geistreichen überall zuerst suchen,     ´

obs ihnen gleich selbst nur

halb schmeckt

( Eduard Mörike im Mai 1855 )

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Eduard Mörikes Novelle > Mozart auf der Reise nach Prag < gilt als unbestrittenes Meisterstück deutscher Erzählprosa.

In ihrer Wirkung haben sich ohne Zweifel die Bedeutsamkeit des Erzählgegenstandes Mozart, wie die künstlerische Leistung des Autors wechselseitig gesteigert. Mörike selbst schreibt über seine eigene Leistung in einem Brief vom 6. Mai 1857 an seinen Verleger Cotta: ein kleines Charaktergemälde, ( das erste seiner Art, soviel ich weiß ). Knapp und unauffällig hat Mörike damit in der Tat seine eigentliche Leistung für die Musikgeschichtsschreibung umrissen. Das erste, große repräsentative Porträts Mozarts, vielfarbig, mit Vorder- und Hintergrund, mit Straßen, Häusern, Interieur und mit Landschaft, sogar Personen, alles kunstvoll 

abgewogen und komponiert, das alles stammt von Eduard Mörike. Und nicht nur das erste Bild Mozarts verdanken wir ihm, ebenso das, seiner Frau Constanze. Wenn auch, das ist dem Kenner unübersehbar, durchaus wirklichkeitsfern. Das erzählte Geschehen hat Mörike frei erfunden, wenn Mozart sich auch im Herbst 1787 tatsächlich auf der Reise nach Prag befunden hat. Mörike schneidet auf eigene erzählerische Verantwortung einen Tag aus Mozarts Leben heraus, in dem er ihn auf der Reise aufhält. Das ist wichtig, denn der hier erzählte Mozart ist der erste, der ein Zeitbewusstsein, ja Zeitangst entwickelt hat und darauf beruhend: Todesangst. In Mörikes Erzählung ist das Todesmotiv schon auf der zweiten Seite da. ..

 

Mörike zeigt Mozart zu Beginn in böhmischer Landschaft, dann bei einer Mittagsrast, schließlich auf einem kurzen Spaziergang in einem Schlossgarten. Dort läßt er ihn sich in Erinnerungen verlieren. Halb träumerisch trennt Mozart eine Orange von einem Bäumchen. Er zerschneidet sie und aus ihrem Duft steigen ihm die eigene Kindheit und Italien wieder auf. Schließlich wird er entdeckt und zunächst unerkannt den Schlossherren zugeführt. Die Adelsfamilie lädt ihn ein, einen Nachmittag Gast zu sein. Man feiert den berühmten Gast und im Verlauf des Festes wird in den Gesprächen, in den unterschiedlichen Figurenkonstellationen, nach und nach Mozarts Künstlerpersönlichkeit gezeichnet. Alles unter dem Zeichen der bevorstehenden Weiterreise und der Unwiederholbarkeit des Augenblicks.

 

Eine der vielen Episoden, die am Faden der Reiseerzählung aufgereiht sind, ist die neapolitanische Pantomime: Zwei bunte Barken umkreisen einander, mit jugendlichem Personal besetzt. „ Jünglinge von italienischem Aussehen“, heißt es. „ Fast nackt,“ also statuenmäßig. Das weist auf Antike hin. Auf einer der Barken werden Blumenkränze geflochten. Nach der Erzählung kann man darauf schließen, daß sie einem Sieger bestimmt sind. Höhepunkt des Ablaufs der Pantomime ist ein virtuoses Spiel mit gelben Bällen.

 

Sie sind es, die Mozarts Erinnerungen im Schloßgarten auslösen und ihn nach der Orange greifen lassen.

 

Das Mörike dabei Neapel als Schauplatz wählt, läßt sich dadurch erklären, daß Neapel wohl der südlichste Punkt war, den Mozart mit seinem Vater besucht hat, doch war der Besuch eher touristischer Natur, kompositorisch hat sich in Neapel nichts ereignet, sodaß es aus dieser Zeit keine Überlieferungen gibt. Mörike konnte also seiner Phantasie über Mozarts Treiben in Neapel freien Lauf lassen. Die Deutung der Pantomime ist nicht eindeutig zu klären. Es läßt sich vermuten, daß das Wasser auf Leben und Freiheit weist, das Meer ebenso, aber zugleich auf Liebe und Tod, der bunte Fisch ist ein deutlich erotisches Symbol, die gelben Bälle in den Händen der Jünglinge verweisen auf die Goldenen Äpfel der Hesperiden und damit auf die ewige Jugend. Aber: Sie werden am Ende des Spiels wieder eingesammelt ! Die Welt des Mythos geht unter, wie Italien für Mozart unwiederbringlich dahingegangen war. Die Pantomime ist als assoziatives Spiel mit Eros, Freiheit, Musik und Jugend zu begreifen – alles unwiederbringlich vergangen und durch den Geruch der Orange aus den Tiefen des Unbewussten hervorgeholt und zu dichterischer Gestalt gebracht. So stoßen wir in der Erzählung auf zwei Zeitebenen: Die der Reiseerzählung wird ständig durchkreuzt von Erinnerungsarbeit. Nach Mörikes Auffassung hätten wir die neapolitanische Pantomime, diesen Tag aus Mozarts Jugendleben, der sich durch seine zentrale symbolische Bedeutung für die Novelle als exemplarisch schlechthin für sein Künstlertum erweist, als eine Idylle anzusehen. Sie öffnet den Blick auf die Wurzeln von Mozarts Existenz. Der eine erzählte Tag des Jahres 1827 aus Mozarts Reiseleben ist als eine unwiederholbare Kostbarkeit der Vergänglichkeit abgerungen. Mörikes Idylle ist unverkennbar eine der Neuzeit: Die Zeit hat in ihr Einzug gehalten, der Tod spricht sein: „ et in Acardia ego „.                      

                                                                        ( Loretta Wollenberg )

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Maria Becker

 

 

28. Januar 2010: Maria Becker zum 90sten

Wir gratulieren

Wer sie kennt, kann es kaum glauben und sie selbst am allerwenigsten.

"Stell Dir vor, 90! 90! Das müßte doch verboten werden."

empörte sie sich, als wir Weihnachten telefonierten. Wenige Stunden zuvor, wohl zu der "halben Nacht", war sie zum erstenmal Urgroßmutter geworden. Urenkel Nr 2 sollten nur wenige Stunden später folgen.

 

Aber nein, Urgroßmütter stellt man sich ganz anders vor.

Maria Becker, diese große, wunderbare, seit Kindertagen von mir verehrte Schauspielerin, kriegt es fertig, Ende November schnell mal für eine Vorstellung in Itzehoe, von Zürich nach Hamburg zu reisen und am nächsten Tag zurück. Im Auto.

 

Es gibt wohl kaum eines der großen Theater deutscher Zunge, an denen sie nicht die ganz großen Rollen der Weltliteratur gespielt hat.Medea, Elektra, die Buhlschaft im Salzburger Jedermann. In Hamburg, München, Salzburg. Vor allem aber an ihrem Haus, dem Zürcher Schauspielhaus, wohin das Kriegsgeschehen sie bereits in den 40er Jahren ziehen ließ. Da war sie noch nicht einmal 20 Jahre jung.

 

In Hamburg spielte sie zuletzt am Ernst Deutsch Theater in den Gespenstern. 

Den Jesteburger Kammerspielen gab sie im Mozart-Jahr 2006 die Ehre. Sie las in der Bossard-Kunststätte Mörikes Novelle: Mozart auf der Reise nach Prag. Damit waren wir gemeinsam in der Opera Stabile der Hamburgischen Staatsoper zu Gast und ich war sehr, sehr glücklich über unsere Freundschaft.

 

Ja, sie spielt nach wie vor Theater, hält immer wieder Lesungen und ist voller Tatendrang. Wunderbar neugierig auf alle Menschen, mit denen sie zusammentrifft.

 

Am 28. Januar 2010 wird sie tatsächlich 90 Jahre und das Zürcher Schauspielhaus gibt ihr zu Ehren einen großen Gala-Abend.

 

Das Ensemble der Jesteburger Kammerspiele gratuliert von ganzem Herzen und wenn ich mich am 27.01.2010 nach unserer Premiere der FRAU OHNE SCHATTEN auf den Weg nach Zürich mache, wird es in meinem Gepäck eine Flasche Sekt mit Jesteburger Label geben und eine Urkunde zum 90sten, von Bürgermeister Heitmann unterschrieben, wie es sich halt für " Jesteburger" gehört. Und das ist jemand, der noch immer dem Antik-Café aufrichtig nachtrauert, ganz sicher. 

 

Loretta Wollenberg

 

PS: Einen Video-Ausschnitt der Jesteburger Lesung von Maria Becker finden Sie in unserer Mediathek