"Die Spektakel müssen sein!"
Jesteburger Kammerspiele beeindrucken mit Schauspiel „Amadeus“ im Heimathaus
Jesteburg - Der junge Mann mit der weißen Perücke ist albern, kindisch und ordinär.
Er wälzt sich mit dem jungen Mädchen Constanze ausgelassen auf dem Fußboden herum, schreibt Noten ohne den nötigen Ernst im Eiltempo und beherrscht die Etikette nicht. Aber er komponiert göttliche
Musik- und wird deshalb ein verhaßter, existenzbedrohender Konkurrent.
So sieht Antonio Salieri, Komponist am Hofe von Kaiser Joseph II von Österreich, das weltbekannte Genie Wolfgang Amadeus Mozart. In dem Schauspiel „Amadeus“ von Peter Shaffer wird die Beziehung
zwischen den beiden ungleichen Männern spannend dargestellt.
Anläßlich des 250. Geburtstages von Mozart haben die „Jesteburger Kammerspiele“ unter der Regie von Loretta Wollenberg das Werk jetzt professionell und mit viel Einfühlungsvermögen auf die Bühne
gebracht. Das Publikum im Jesteburger Heimathaus erlebte eine Aufführung, die von der ersten bis zur letzten Minute fesselte. Ganz herausragend sind Manuel Luna Homeyer als ungestümer,
leichtgläubiger Mozart, Peter Liessmann als Salieri, der sein Mittelmaß erkennen muß, und Jürgen-Thomas Bork als Kaiser Joseph, der die Vorgabe macht: „Spektakel müssen sein!“
Die Darsteller vermitteln gekonnt den damaligen Zeitgeist und geben ihren Rollen Profil. Silke Rackelbusch glänzt als Constanze, die auch als Ehefrau die Avancen der Männer genießt. Als ein Galan
unter ihren Rock kriecht, um mit dem Zentimeterband ihre Oberschenkel zu vermessen, ist Mozart empört: „Ich möchte nicht, daß du billig wirkst.“
Auch die weiteren Rollen sind perfekt besetzt: Karsten Wildeisen als marionettenhafter Direktor der Nationaloper, Wolfgang Binder als würdevoller, erstarrter Präfekt der Nationalbibliothek, Frieder
Bars als kaiserlicher Kammerherr, der sein Ich schon lange aufgegeben hat, und Horst Rackelbusch als untertäniger Hofkapellmeister. Die Männer mit den weißgepuderten Gesichtern in den schillernden
Kniebundhosen und den Schnallenschuhen wirken wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Angela Gieseking wirbelt als kokette Sängerin mit blitzenden Augen durch das Geschehen, Claudia Vennewald verkörpert
neben ihrem Mann Salieri die stets dienstbare Frau. Joachim Zawischa übermittelt schwungvoll die neuesten Nachrichten vom Hof. Allerdings verrät er nicht alles, was durch sein Verwandlungsspiel mit
Masken deutlich wird. Ein großes Lob auch den Schneiderinnen Esther Schnell und Gerda Oberender – dank ihrer aufwendig gearbeiteten Kostüme wird die Zeitreise ins 18. Jahrhundert zum Abenteuer. Bei
dieser Aufführung ist das Publikum wirklich dabei.
Wochenblatt Nordheide